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Anatomie
Künstler auf Visite
23.05. - 21.06.2002
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Julia Aatz
Ohne Titel (2002)
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Die Treppenhäuser sind Bestandteil der funktionalen Gliederung der Homburger Anatomie und wie die Verteilerflure Orte der Begegnung im dreigeschossigen öffentlichen Raum. Ihre zum übrigen Gebäude kontrastierende architektonische Instrumentierung beansprucht Geltung über die funktionale Ebene hinaus: Nur hier gelangt über einen Obergaden Tageslicht, das man beim Eintritt in die dunklen Gänge des Gebäudes hinter sich läßt, ins Innere; hohe, dunkel verputzte Sargwände halten weisslich-opake Fenster, die sich nicht öffnen lassen, auf Distanz zu uns.
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Lange Bahnen aus Frischhaltefolie verspannen die Treppen-Augen, begleiten erzitternd Auf- und Abwärtsbewegung. Länge, Richtung und Spannungsgrad variieren auf vielfältige Weise, gestatten dem einheitlichen "Fließband"- Material bei größter Einfachheit reiche Entfaltung. Ins Blaue modifiziertes Licht akzentuiert das Betreten der Treppen. Es bricht sich an Flächen und Graten der Folien, fliessend gehen Reflexionen von Licht und Dunkel ineinander über. Das Blau limitiert die Tiefe der Dunkelheiten und die Helle des Glanzes, damit aber auch die dem Glanz eigene Neigung zu Immaterialität oder Transzendenz. Auf diese Weise partizipieren die Lichtbahnen zwar an der dem Ort eigenen Polarität von Hell und Dunkel, überschreiten aber zugleich die Grenzen unreflektierter Verständnisinnigkeit.
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Mit den Folien verbinden wir zwei Eigenschaften, die ebenfalls für die Anatomie gelten: das Konservieren von "Lebensmitteln" und den Einblick. Letzteres erlangt die Anatomie erst durch Entfernen der Haut, sie kennt keine Transparenz. Die Folien bewahren den Durchblick im Treppenhaus - auf lebendige, sich bewegende Menschen. Die Bahnen folgen nicht nur der architektonischen Vorgabe, sie erläutern auch das Miteinander von Ort und Mensch. Sehnen vergleichbar, bis zum Zerreißen angespannt, halten sie zusammen. Aktivität von Geist und Körper finden so eine Gestaltung, die sich mit Form und Funktion des Gebäudes durchdringt, es mit seinen Bewohnern, den Lebenden und Toten, als Organismus erfahren läßt, das Unsichtbare sichtbar macht.
Bernhard Wehlen
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Photos : Wolfgang Klaucke

Keplerstrasse 3-5 66117 Saarbrücken
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