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Anatomie

Künstler auf Visite

23.05. - 21.06.2002

Rolf Giegold

Anatomische Ausstellung, Installation, 2002




Die Übersichtlichkeit der vier Glaskuben grenzt an Sterilität, klar und deutlich offeriert kühles Neonlicht anatomisches Fachvokabular und künstliche Implantate. Der didaktischen Präsentation anatomischer Wissenschaft oder ihrer Historie verwandt, heben sie sich durch Lichtfülle, Transparenz und Strenge ebenso davon ab, wie durch die schwarz auf weisse Folie geplottete, erschöpfende Wortfülle. In Großgruppen untergliedert und alphabetisch geordnet liegt auf vier Vitrinenböden verteilt annährend die Totalität anatomischer Terminologie in lateinscher Sprache, ein "Sprachkörper" (Giegold). Ihn zu lesen braucht es Geduld, zum Verständnis Fachkunde. Wer die Worte in der vorgegebenen Reihenfolge aufnehmen will, ist wegen der Buchstabengröße gezwungen, sich vor den Vitrinen hin und her zu bewegen, leicht verliert man dabei den Überblick.





Auch an den Vitrinenwänden erscheinen einige der Überbegriffe; indem der Betrachter sich in ihnen spiegelt, verweisen sie auf die strukturierende Funktion von Begriffen bei unserer Weltaneignung, die sich hier eines langsam gewachsenen, auf Vereinbarung beruhenden Kanons bedient. Oberhalb der Folien liegen auf schweren, körperhaften Glasplatten Prothesen, Epithesen und Implantate, als "technische Erweiterung der medizinischen Definition des Körpers" (Giegold). Die plastische Erscheinung unscheinbarer Drähtchen oder Schläuche neben komplexen feingliedrigen Apparaten überbietet den Authentizitätsanspruch der Wortebene. Ihre manchmal transparente, häufig durchbrochene Erscheinung entschwert sie, gewährt dem Licht Zugang, bisweilen Durchdringung. Von unterschiedlichster Größe und Gestalt scheinen sie über der begrifflichen Ebene zu schweben, verweigern die Zuordnung zu den Begriffen, bilden eine eigene, als ästhetische zu erfahrende Ordnung aus. Im Kontext der Vitrine übersteigen diese so technoiden wie adäquaten Produkte unser Verstehenkönnen, gemessen an der dafür zu Gebote stehenden Terminologie.




Fortgeschritten, höher, dem Licht näher sind sie der Basis des kontestierten Organismus entrückt. Die Vereinbarung, auf der dessen "Einklang" mit der Natur des Menschen beruht, bleibt unter ihrer Mimesis zurück. Die Bausteine unserer Anatomie ergeben hier kein Ganzes. Das gelingt durch Auswahl und Anordnung erst dem Künstler, der jeder Vitrine ein vom Wortlaut unabhängiges Gepräge von Formen, Volumina und Rhythmen gibt. Indem sie sich der scheinbaren Transparenz wissenschaftlichen Verstehens unterwirft, entlarvt die Kunst dessen Unzulänglichkeit, solange dieses sich im Additiven und damit im Austauschbaren erschöpft. Giegolds Arbeit weckt mit den Gegebenheiten des Ortes und über sie hinaus das Bedürfnis nach tieferen Schnitten, nach tieferer Einsicht.

 

Bernhard Wehlen


Photos : Wolfgang Klaucke


Keplerstrasse 3-5   66117 Saarbrücken

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