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Anatomie
Künstler auf Visite
23.05. - 21.06.2002
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Mia Unverzagt
Ohne Titel, Fotografie, 2002
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Die Künstlerin arrangiert im zweiten Treppenhaus eine Gruppe von Fotografien, die, nahsichtig und ungefähr in Lebensgröße, verschiedene Ausschnitte eines mit abgetragenen, geflickten Rippenstrick-Unterhemden bekleideten männlichen Oberkörpers zeigen. Der sensiblen Annäherung und intimen, detaillierten Nähe zu dem hinter den fast transparenten Hemden kaum verborgenen Körper, die von warmem Licht und weichen Kontrasten getragen wird, steht ein anscheinend liebloser Umgang mit den Abzügen gegenüber. Sie werden nicht nur schutzlos, ohne Rahmen oder Passepartout präsentiert, sondern weisen auch Beschädigungen auf, unregelmäßige Knitterfalten, sogar Risse. Die sonst glatten Hochglanzoberflächen zeigen Profil, an dem sich Licht und Schatten eigenwertig entfalten, dem Motiv Konkurrenz machen.
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Diese dem Material von anonymen "Maschinen" (Unverzagt) zugefügten Verletzungen sind von der Darstellung nicht mehr loszulösen. Sie entrüsten, sensiblilisieren uns, lenken unsere Aufmerksamkeit vom Bedauern auf das Vergängliche von Textil, Haut, Fotoschicht, Mensch. Die Lebenszeit der zweiten Haut, wie die erste vom Träger geprägt, verlängert das Stopfen individuell auftretender Schäden - "so machen das Frauen" (Unverzagt), fürsorglich.
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Wunden werden geheilt, Wundmale bleiben, Narben. Absehbar eine vergebliche Liebesmüh, denn kein Lebendiges oder vom Leben Ergriffenes ist von Dauer. In das Kontemplative der Bild-Textur mit ihren "Stigmata" als Höhepunkten ragen die harten Brüche jäh und mahnend hinein, bedrohen von außen menschliches Zusammenleben. In einer Anatomie steht wie in der Kunst Mia Unverzagts der Mensch im Mittelpunkt. Auf die spezifische Grenzerfahrung, die dieser Ort vermittelt, antwortet die Künstlerin mit einer Art ex voto. Durch die von ihr autorisierte Gewalt leidet zwar das von Fürsorge geprägte Abbild körperlicher Nähe, doch nur - ein Schadenzauber -, um den Menschen selbst zu schützen. Ein auf den Mit-Menschen gerichtetes Anliegen, ein umfassender Anspruch an das Zusammenleben mit dem Nächsten.
Bernhard Wehlen |
Photos : Wolfgang Klaucke

Keplerstrasse 3-5 66117 Saarbrücken
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